Hier die Fortsetzung des Interviews mit Jacqueline Esen… erneut zurücklehnen und mit Spannung weiterlesen:
Worauf legst du besonderen Wert?
Konzentration aufs Wesentliche. Ich mag keine Bilder, in denen ein chaotisches Durcheinander herrscht. Ich möchte bei einem Foto erkennen, dass der Fotograf versucht hat, aus der Vielzahl der einströmenden Informationen (s)einen Kerngedanken in ein Bild umzusetzen. Eine sichtbare Idee ist mir dabei wichtiger, als die perfekte technische Umsetzung, aber natürlich bevorzuge ich Fotos, in denen beides stimmt. Mit welcher Ausrüstung die Aufnahmen entstanden sind, ist in den meisten Fällen nebensächlich. Das Ergebnis zählt.
Welches Ziel verfolgst Du, was möchtest Du vermitteln?
Mir geht es vor allem um die Freude am Fotografieren, bei mir selbst und bei denen, mit denen ich zusammenarbeite. Wenn ich Erfolgserlebnisse vermitteln kann, freue ich mich mit demjenigen, der Erfolg hat: Glück vermehrt sich, wenn man es teilt. Ganz schrecklich finde ich das respektlose Herabwürdigen von Bildern, die man nicht mag oder nicht versteht. Jedes Foto, selbst der unbeholfene Versuch eines Anfängers hat, im jeweiligen Kontext, seine Berechtigung. Fotos zeigen immer auf irgendeine Weise den „Erlebnishorizont“ des Fotografen und das finde ich spannend.
Gibt es ein Spezialgebiete bzw. Schwerpunkt-Themen?
Available Light, Street- und Reportagefotografie, Bühnenfotografie und Porträts sind die Themen, mit denen ich mich am liebsten beschäftige. Ich fotografiere gerne in der Dämmerung und nachts, bin aber meistens zu faul, um ein Stativ mitzuschleppen. Außerdem mag ich das Spontane und ich arbeite gerne schnell, darum ist z.B. die klassische Nachtfotografie nichts für mich.
Ich bin auch nicht geduldig genug, um für Landschafts- oder Tieraufnahmen stundenlang auszuharren, bis der richtige Moment da ist. Bei Porträts wird mir das Arbeiten mit der Studioblitzanlage schnell lästig und mit einer monströsen Kamera fällt man überall sofort auf. Ich arbeite lieber dezent im Hintergrund. Ein Tüftler und Perfektionist bin ich auch nicht, lieber verlasse mich auf meine Intuition. Im Zweifelsfall lösche ich die Hälfte der Bilder oder verzichte ganz auf eine Aufnahme, wenn ich sie mit meinen Methoden nicht verwirklichen kann.
Wann ist ein Bild für Dich gelungen und welche Kriterien hast Du bei der Bilderauswahl?
Ich betrachte Fotos immer kontextabhängig. Ein Wettbewerbsfoto muss andere Kriterien erfüllen als ein Auftragsfoto. Ein künstlerisches Bild kann man nicht mit Agenturfotos vergleichen. Erinnerungsfotos sind etwas anderes als Reportagebilder usw. Deshalb versuche ich immer heraus zu finden, was der Fotograf oder die Fotografin für Ziele hat. Was soll mit den Bildern später geschehen, welchen Zweck sollen sie erfüllen?
Viele Stockfotos und manche Beauty-Fotos finde ich grauenhaft, obwohl sie technisch total perfekt sind und sich gut verkaufen. Je nachdem, ob ich einen Wettbewerb juriere, einen Anfänger unterrichte oder einen Fortgeschrittenen coache, lege ich andere Maßstäbe an. Alles andere würde für mich bedeuten, Äpfel mit Schraubendrehern zu vergleichen.
Die meisten Diskussionen, die in Fotokreisen geführt werden, drehen sich um Ausrüstung, technische Parameter oder um formale Gestaltungsfragen, weil man mit den „harten Fakten“ viel erklären und gut argumentieren kann. Über Inhalt und Aussage der Bilder oder über die Absichten eines Fotografen (die so genannten „weichen Faktoren“) erfährt man meist viel zu wenig. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Fotografen zu wenig über solche Dinge nachdenken oder aber nichts darüber preisgeben wollen. Ich bin durchaus ein Freund „schöner“ Bilder, aber am Ende bleiben mir nur Fotos im Gedächtnis, die tiefgründiger sind.
Fotografierst Du lieber analog oder digital und warum?
Eindeutig digital, weil es schneller geht, weil man sofort sieht, was man gemacht hat, und weil man die Fotos bequem am Computer ausarbeiten kann. Den Geruch von Entwickler und Fixierbad mochte ich noch nie und das lange Stehen im Dunklen hat mich immer sehr angestrengt. Trotzdem greife ich gelegentlich auf analoge Methoden zurück (Lomo, Polaroid, Mittelformat), aber ich entwickle nicht mehr selbst. Die Negative oder Dias scanne ich anschließend ein. Weil das alles so viel Zeit in Anspruch nimmt, greife ich auch für Experimente lieber zur Digitalen.
Was bevorzugst Du? Schwarz/Weiß- oder Farbfotografie… warum?
Ich liebe Schwarzweißfotos, aber ich bin ein Farben-Mensch. Selbst wenn ich mir vornehme, mehr schwarzweiße Motive zu fotografieren, kommen am Ende doch wieder Farbbilder raus. Das scheint in meinen Genen fest verankert zu sein, erklären kann ich es nicht.
Worauf sollten Anfänger Deiner Meinung nach achten, was sollten Sie vermeiden?
Wenn man einen Blick für Motive hat, kann man sich lange mit der Automatik durchmogeln. Aber irgendwann sollte man sich das Grundlagenwissen aneignen, die Kameratechnik verstehen und einsetzen. Dann kommt eine längere Phase des Übens, in der auch eine Menge schief geht. Hier darf man den Mut nicht verlieren und muss „dran bleiben“. Sobald man die Technik beherrscht, ist es wichtig, dass man seinen eigenen Weg geht.
Es ist verführerisch, den Geschmack anderer Leute zu bedienen. Positive Kommentare zu Bildern und Wettbewerbserfolge schmeicheln dem Ego, aber es gibt viele hervorragende Bilder, die in Wettbewerben ungekürt bleiben oder zu denen niemand etwas sagt. Feedback ist wichtig, aber sich ausschließlich von der Meinung einer wie auch immer gearteten „Community“ oder „Jury“ abhängig zu machen, halte ich für problematisch. Fotografieren ist etwas sehr Subjektives und Individuelles: Habt den Mut zu eurer eigenen Sichtweise zu stehen, auch wenn sie von den gängigen Schönheitsidealen abweicht! Nur so kommt immer wieder neues Leben in die Fotografie.
Welche Grund-Eigenschaften sollte ein Fotograf entwickeln, vielleicht sogar mitbringen?
Ausdauer und Beharrlichkeit und ein gesundes Selbstvertrauen. Wenn es um Auftrags- oder Wettbewerbsfotografie geht, muss man auch in der Lage sein, zu erfassen, was die anderen sehen bzw. haben wollen. Ein Fotokünstler kann es sich leisten, Porträts zu machen, auf denen sich der Abgebildete nicht gefällt. Ein Auftragsfotograf wird sich eher schwer tun, mit solchen Bildern Geld zu verdienen.
Klischeefrage: Wie wird man zum Fotografen?
[Nimmt die Kamera und macht ein Foto]
Wer diese Antwort nicht auf Anhieb versteht: Fotograf wird man, indem man fotografiert. Ich könnte jetzt eine lange Auflistung machen über die klassischen Ausbildungswege (Lehrberuf, FH, Fernstudium, Akademien), Kurse und Workshops anpreisen oder empfehlen, ein Praktikum anzustreben.
Das alles sind mögliche Wege, aber wenn man sich die vielen erfolgreichen Quereinsteiger anschaut, dann wird deutlich, dass kreatives Talent, Begeisterung fürs Fotografieren und der Wille sich durchzusetzen, genügen können, um „Fotograf“ zu werden. Ob man vom Fotografieren leben kann, hängt nicht allein davon ab, dass man gute Fotos macht. Dafür braucht man, wie in allen anderen Berufen, auch unternehmerische Qualitäten. Wählt man das Fotografieren als Beruf verbringt man mehr Zeit mit Orga-Kram, Rechts-, Versicherungs- und Steuerfragen, als sich die meisten Laien vorstellen.
Übst Du eine Lehrtätigkeit aus, veranstaltest du Workshops? Veranstaltest Du weitere Workshops, welche Themen, wo kann man sich hierzu erkundigen?
Ja, ich hatte mein eigenes Kursangebot, war für die vhs tätig, für fotocampus und aktuell für fotodialoge. Mittlerweile habe ich mehr Arbeit als Zeit, dadurch musste ich die Anzahl der Workshops deutlich verringern. Besonders schade ist es, dass ich mich von meinen Onlinekursen verabschieden musste, aber die Zeit reicht einfach nicht mehr aus, um das alles allein zu stemmen. Deshalb bin ich sehr froh, dass fotodialoge einen Teil dieser Last für mich abfedert, sonst gäbe es mich auf dem Workshop-Markt derzeit überhaupt nicht. Infos zu den Angeboten gibt es unter www.betrachtenswert.com/termine
Welche Buchveröffentlichungen gab es bisher von Dir und stehen weitere Projekte an?
2008 durfte ich zum ersten fotocommunity-Buch ein Kapitel über mein Lieblingsthema „Available Light“ beisteuern, danach erhielt ich vom Galileo-Verlag den Auftrag, ein komplettes Grundlagenbuch zu schreiben. Rezepte für bessere Fotos erschien 2009 und war ein großer Erfolg: es wurde sogar ins Chinesische übersetzt. Ein Jahr später folgte Der große Fotokurs, ebenfalls bei Galileo, und seit 2011 bin ich für den Vierfarben Verlag (Galileo-Tochter) tätig. Hier sind die Bücher Digitale Fotografie erschienen und, ganz aktuell, das Buch Fotografieren!, in dem es viele Aufgaben und Übungen gibt, mit denen man seinen fotografischen Erfahrungsschatz systematisch aber auch ganz spielerisch vergrößern kann.
Weitere Bücher sind geplant, die Verträge habe ich vor wenigen Tagen unterschrieben. Es wird ein heißer Sommer für mich, die Tastatur wird rauchen.
Neben meinen Büchern versuche ich so oft wie möglich, hilfreiche Blog-Beiträge zu schreiben. Aber ich wiederhole mich: wenn der Tag nur 48 Stunden hätte… (http://www.fotonanny.de)
Arbeitest Du in einem „Netzwerk“ mit anderen Fotografen zusammen?
Da ich wegen meiner Autorentätigkeit derzeit kaum Kundenaufträge annehmen kann, leite ich eingehende Anfragen an befreundete Fotografen weiter oder empfehle jemanden, den ich kenne. Ein explizites Netzwerk gibt es (noch) nicht.
Wer sind Deine Kunden bzw. Auftraggeber?
Für das Goethe Institut habe ich in München und in Litauen unterrichtet und fotografiert; für den Siemens-Konzern waren es Mitarbeiterporträts und Event-Fotografie. Darüber hinaus habe ich für kleine und mittelständische Unternehmen und für Selbständige Imagefotos und Reportagen gemacht oder Schulungen durchgeführt. Anfangs habe ich auch Hochzeiten, Babybauch- und Familienfotos gemacht, aber das gibt es mittlerweile nur noch für den engsten Freundes- und Familienkreis.
Gibt es Ausstellungen Deiner Arbeiten?
In den letzten Jahren nicht. Wer einmal eine größere Ausstellung organisiert hat, weiß, wie viel Arbeit und Kosten das verursacht. Meine Büroeinweihungsfeier im Mai 2012 habe ich dann aber doch als Anlass genommen, eine Art Retrospektive zu machen. Immerhin fotografiere ich seit meinem neunten Lebensjahr und in all den Jahren ist viel Material zusammengekommen. Auch wenn es derzeit nur eine überschaubare Bilderwand ist: einmal im Jahr werde ich jetzt wohl die Arbeiten des zurückliegenden Jahres zur Schau stellen. Was sich darüber hinaus ergibt, lasse ich offen. Dafür gibt es in meinem Foto-Blog ungefähr jede Woche ein neues Foto. (http://betrachtenswert.blogspot.de/)
Hast Du Pläne zu weiteren Projekten?
Irgendwo in meinem Regal liegt ein dickes Notizbuch, das mit Hunderten von Ideen vollgekritzelt ist. Welches der Projekte am Ende des Tages Form annimmt, hängt von verschiedenen Gegebenheiten ab. Die heißesten Kandidaten sind momentan Schwarzweißfotografie, Zeitraffer- und Videosequenzen, weil ich damit am wenigsten bis null Erfahrung habe, und mich durch solche Projekte weiter entwickeln möchte. Pferde hätte ich auch ganz gerne mal wieder vor der Kamera… Ich vermute, da muss ich mich auch erst wieder einschießen
Du warst unser erstes Jurymitglied für den Fotomarathon, das uns Unterstützung zusagte und hast uns auch in anderen Bereichen sehr geholfen. An dieser Stelle ganz lieben Dank hierfür! Was hat Dich motiviert, uns zur Seite zu stehen?
Das Thema Fotomarathon hat mich vom ersten Moment an begeistert, das ist einfach eine tolle Sache. Ich bin nicht verrückt genug, so ein Projekt selber anzuschieben, obwohl es Momente gab, in denen ich darüber nachgedacht habe. Mir ist bewusst, wie viel Arbeit und Energie in der Organisation und Durchführung einer solchen Veranstaltung steckt. Deshalb habe ich allergrößten Respekt vor dem Orga-Team, das ehrenamtlich in der Freizeit eine Wahnsinns-Leistung vollbringt. Und darum gibt’s auch kein Vertun: wenn ich mithelfen kann, ist das eine Ehrensache.
Die Vorfreude auf den großen Tag wächst, ich bin schon total gespannt auf den Moment, wenn die Teilnehmer los ziehen, ich bin neugierig auf die Aufgaben, die Ihr Euch ausdenkt, und natürlich freue ich mich auf die Bilder.
Liebe Jacqueline,
herzlichen Dank für diesen Gang durch Dein Leben und den Momenten der Fotografie. Es war mir eine große Freude, mehr über Dich, Deinen Werdegang, Deine Gedanken und Blickwinkel zu erfahren. Wertvoller Tiefgang ist hier enthalten.
Das Team von Fotomarathon München ist froh und glücklich, auch Dich mit an Bord zu haben. Du warst die Erste, die zu uns stand und uns Ihre Unterstützung zusagte. Darauf sind wir stolz, dankbar und es fühlt sich einfach gut an!


























