Fotografieren ist für die gebürtige Münchnerin nicht nur Beruf sondern eine echte Leidenschaft. Ohne Kamera geht sie nicht aus dem Haus und sie kennt große Teile der Stadt wie ihre Westentasche. Umso neugieriger ist sie auf die hoffentlich facettenreichen und ungewöhnlichen Ansichten, die während des Fotomarathons entstehen werden. Jacqueline hat sich als Fachbuch-Autorin einen Namen gemacht: ihr viertes Buch mit dem Titel “Fotografieren! Kreative Fotoprojekte” ist Ende April 2012 erschienen. “
Mehr Infos gibt es unter www.betrachtenswert.com
Habt viel Freude beim Lesen der nun folgenden Zeilen und Betrachten der Bild-Impressionen:
Was war für Dich der Beweggrund, der Auslöser, in die Fotografie einzusteigen?
Schon als Kind habe ich gerne in Fotoalben geblättert. Meine Großmutter hatte immer mal wieder Fotos gemacht, aber sie starb früh, also gab es auch keine Bilder mehr, was ich sehr bedauerte. Also schnappte ich mir eines Tages die Kamera, die sowieso niemand benutzte. Ich ließ mir erklären, wie man den 6×6 cm Rollfilm einlegt – ziemlich schwierig mit so kleinen Händen und ein ziemlich teures Hobby für eine Neunjährige.
Aber es gelang mir und obwohl mir keiner sagen konnte, wie man die Kamera richtig einstellt, fing ich an, die ersten Bilder zu machen. Ich fotografierte das, was mich am meisten interessierte: Pferde! Daraufhin bekam ich ein Buch geschenkt: Pferdefotos in Schwarzweiß von Zofia Raczkowska. Im Vorwort schrieb die Autorin, dass sie einmal bei einem Preisausschreiben ein Pferd gewinnen wollte, stattdessen bekam sie nur den zweiten oder dritten Preis – eine Kamera. Das war ihr Einstieg in die Fotografie, und irgendwie ahnte ich, dass dies auch mein Weg sein würde.
Ich wollte auch so tolle Pferdefotos machen, orientierte mich an Kalendern und Postkarten und schon im Alter von 14 Jahren verkaufte ich regelmäßig Foto-Abzüge an andere Leute oder fotografierte im Auftrag von Pferdebesitzern deren Vierbeiner. Es machte Spaß und wenn ich mit meiner Fototüte in den Stall kam, war ich sofort von vielen Leuten umringt. Ich analysierte sehr genau, welche Fotos am häufigsten bestellt wurden, hatte aber trotzdem oft ganz andere Favoritenbilder.
Außerdem erkannte ich schnell, dass nicht jedes Foto gelang, geschweige denn die Stimmung des eingefangenen Moments angemessen wiedergab. Also fing ich an, mich intensiver mit der Technik zu befassen und verschlang die Foto-Tipps, die damals auf den Fototüten abgedruckt waren. Teure Kameras waren völlig außer jeder Reichweite, also musste ich viele Jahre mit den bescheidenen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, das Bestmögliche heraus holen. Das hat mich eher beflügelt als gebremst.
Was begeistert, fasziniert Dich an der Fotografie?
Anfangs drehte sich alles um das Sammeln von Pferdebildern, aber schon drei Jahre später nutzte ich die Kamera auch, um meinen Alltag zu dokumentieren. Ich bemerkte, wie schnell sich alles um mich herum verändert und wie schnell man Dinge vergisst. Das Einfangen von besonderen aber auch alltäglichen Momenten, das Einfrieren von Zeit, und das Sichtbarmachen von Veränderungen beschäftigen mich bis heute. Auch die Bandbreite der Möglichkeiten fasziniert mich: vom einfachen Knipsfoto über das formal schöne Postkartenmotiv bis hin zum verfremdeten Photoshop-Bild findet man bei mir im Archiv alles. Ich probiere gerne verschiedene Dinge aus und lege mich nicht gerne auf ein Thema oder eine Arbeitsmethode fest. Dadurch ist es bis heute sehr schwer, mich in eine Schublade zu stecken.
Hast Du dich für den Beruf der Fotografin bewusst entschieden?
Ja und Nein. Ich habe einfach immer fotografiert, man kannte mich nicht ohne Kamera. Egal, wo ich war: ich machte viele Fotos und bekam im Fotogeschäft („gute Kundin“) erste Rabatte. Genug Freizeit war vorhanden und die Fotografie lief nebenher bestens: ich hatte einen Vertrag bei einer Bildagentur, bekam erste Foto-Aufträge und konnte sogar in meinem Job hin und wieder ganz offiziell Veranstaltungen fotografieren.
1998/99 kam der Bruch: Ich hängte den Reitsport aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel, musste meine beiden Katzen, bis dahin eins meiner Lieblingsmotive, kurz nacheinander einschläfern lassen, und es gab auch noch einen beruflichen Wechsel. Auf einmal war alles völlig anders. Ich fasste die analoge EOS 1, die ich mir gerade gegönnt hatte, von einem Tag auf den anderen nicht mehr an. Über ein Jahr lang hatte ich keine Lust mehr auf Fotos, und alles, was ich bis zu diesem Zeitpunkt fotografiert hatte, erschien mir nicht mehr gut genug.
Als im Sommer 2000 eine vierwöchige Indienreise anstand, nahm ich natürlich eine Kamera mit. Dabei stellte ich bestürzt fest, dass ich das Fotografieren offensichtlich verlernt hatte, zudem hatte die Kamera auch noch einen leichten Defekt: die meisten Dias waren überbelichtet. Das war der Moment, in dem ich beschloss, noch mal komplett von vorne anzufangen. Meine erste kompakte Digitalkamera (2,1 Megapixel!) kam mir dabei zu Hilfe. Ich bastelte meine erste Homepage und dadurch bekam ich auch wieder Lust, in den alten Archiven zu stöbern.
Jetzt hatte ich richtig „Blut geleckt“. Jede Stunde, jeder Tag, den ich in meinem „Geldverdien-Beruf“ zubringen musste, wurde zur Tortur. Dauergenervt stand ich kurz vor einem Burnout und das, obwohl ich meine Arbeitszeit reduziert und bereits einen Tag pro Woche für meine kreativen Projekte freigeschaufelt hatte. Es reichte nicht. Ich wollte nur noch fotografieren und schreiben. Schließlich kam die Entscheidung für den – zugegeben riskanten – Ausstieg aus der Festanstellung. Im Nachhinein betrachtet kann ich nur sagen: es war richtig, auch wenn es zwischendurch immer wieder harte Phasen gab und gibt.
Gibt es bestimmte Bilder, die Du dir gerne anschaust?
Je nachdem woran ich selbst gerade arbeite, habe ich mehr oder weniger Interesse an verschiedenen Genres, aber es gibt keine besonderen Vorlieben. Ich mag die facettenreiche Vielfalt der Fotografie. An einem Bild fasziniert mich vielleicht die technische Finesse, mit der es gemacht wurde, am nächsten begeistert mich die Idee oder die Ausarbeitung in Photoshop. Es kommt immer auf den Blick des Fotografen an: zeigt er (oder sie) mir etwas, das ich so noch nicht gesehen habe oder berührt es mich emotional? Gute Streetfotografie interessiert mich immer, ich mag aber auch aufwändige Inszenierungen oder konzeptionell angelegte Bildserien. Bei Fotografenseiten schaue ich mir gerne das gesamte Spektrum an.
Ich bin weniger am Einzelfoto interessiert, sondern eher am „Gesamtkonzept“, in dem die persönliche Sicht- bzw. Arbeitsweise eines Fotografen sichtbar wird. Am wenigsten kann ich mit Makro-Aufnahmen von Käfern und Bienen anfangen, aber auch da gab es schon Überraschungen
Gibt es prägende Fotografen und/oder Vorbilder?
Am meisten gelernt habe ich vermutlich von Andreas Feininger, dessen Bücher ich in den Anfangsjahren regelrecht verschlungen habe. Darüber hinaus könnte ich keinen einzelnen Fotografen nennen. Die Inspirationen kommen von überall, auch von sogenannten „Amateuren“. Vor kurzem habe ich zwei Fotobildbände gekauft: Little Adults von Anna Skladmann und Democratic Camera von William Eggleston. In meinem Bad hängen Aktfotos von Günter Blum und wenn es eine Ausstellung von Herlinde Kölbl gibt, gehe ich immer hin. An Frau Kölbls Arbeit bewundere ich die Ausdauer, mit der sie ihre Langzeit-Projekte verfolgt. Ich habe einen youtube-Kanal angelegt, in dem ich kurze Videoclips über Fotografen und interessante Tutorials sammle. Das Internet ist für mich eine ständig sprudelnde Quelle der Inspiration (http://www.youtube.com/user/fotonanny).
Was inspiriert, bewegt Dich, den Auslöser zu betätigen?
Fotografieren ist für mich ein – wenn nicht sogar DAS – Mittel, um die Aufmerksamkeit bzw. die so genannte „Achtsamkeit“ zu schulen. Die meisten Menschen laufen mit offenen Augen durch die Gegend und sind trotzdem blind, weil sie so mit ihren Gedanken oder mit ihren Handys beschäftigt sind, dass sie die Welt, die sie umgibt, gar nicht wahrnehmen. Fotografieren bedeutet für mich, den „Autopilot“-Modus auszuschalten und wirklich bewusst hin zu schauen. Schauen heißt für mich aber nicht nur „mit den Augen sehen“, es ist eher eine Gesamtwahrnehmung, die sich am Ende in einem Foto verdichtet.
Wenn ich dann die Kamera auf ein Motiv richte, dann fokussiere ich nicht nur das Objektiv, sondern meine gesamte Aufmerksamkeit richtet sich auf einen Punkt. In diesem Moment verschwindet natürlich auch alles andere aus meinem Blickfeld, während sich meine Wahrnehmung auf das Motiv konzentriert. Diese Konzentration – zu der dann auch das genaue Gestalten und die richtigen Kameraeinstellungen gehören – ist für mich wie ein mentales Fitness-Training. Nach einer Stunde Fotospaziergang fühle ich mich total erholt und erfrischt… allerdings nur, wenn ich ganz alleine unterwegs bin.
Hiermit endet der 1. Teil des Interviews mit Jacqueline Esen… Teil 2 folgt in Kürze – auf dieser Welle
























